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20.08.1959 – Arthur Maximilian Miller veröffentlicht seinen Roman „Der Herr mit den drei Ringen“


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Der Herr mit den drei Ringen“ von Arthur Maximilian Miller behandelt die Lebensgeschichte von Rupert Ness, der drei Ringe in seinem Wappen trug, Miller setzte ihm mit einem Historienroman ein literarisches Denkmal, an dem er seit 1951 gerabeitet hatte. Nach einer Dichterlesung im „Grünen Saal“ der Abtei Ottobeuren überreichte der Autor Ende August 1959 das erste Exemplar an Abt Vitalis Maier. Georg Besel hielt den Moment für die Nachwelt fest. Im Hintergrund sieht man Rupert Ness auf einem Gemälde des Konstanzers Karl Stauder von ca. 1735.

Der Roman beginnt 1702 im Kloster Ottobeuren, mit einer flammenden Lichterscheinung kündigt sich drohendes Unheil an. Der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg mit den Franzosen verbündet und fiel in Memmingen ein, bei Wikipedia heißt es zum Jahr 1702: „Mit dem Überfall auf Ulm am 9. September eröffnete der hochgerüstete, ebenfalls im Bund mit Frankreich stehende Kurfürst Maximilian II. Emanuel den Krieg in Süddeutschland, in der Hoffnung, doch eine von den europäischen Mächten anerkannte Königskrone zu erringen.“ Ende September wurde Memmingen beschossen und eingenommen. Anfang Oktober 1702 entführten die Bayern – statt des versteckten Abtes Gordian Scherrich – im Priorat Eldern Pater Heinrich, der dort bei einem Gottesdienst anlässlich der 50. Priesterjubiläums von Abt Gordian* als Festprediger auftreten sollte, und verschleppten ihn ins Feldlager nach Buxheim. Es folgten Lösegeld- und weitere Forderungen, die letztlich Pater Rupert Ness im Auftrag des – jetzt ins Ottobeurer Priorat nach Feldkirch geflohenen – Abtes abwehren sollte.
Auf dem Theinselberg litten die Katholiken unter Restriktionen durch die evangelisch-reformierte Pfarrei. Die ersten Überlegungen für einen Klosterneubau standen im Raum. Konflikte und große Aufgaben standen an. Das Buch endet mit dem Tod von Rupert Ness (20.10.1740) und der Wahl seines Nachfolgers Anselm Erb am 23.12.1740. (Unter Erbs Regentschaft der Bau der barocken Abteikirche 1766 vollendet, weshalb dessen Wappenmit den drei Sternen – unterhalb der Pfingskuppel prangt.)
(*Das Jubiläum wurde am 1.1.1710 gefeiert; hier passt etwas nicht in der zeitlichen Abfolge.)

Millers Buch macht durch die Dialoge Geschichte lebendig. Die Handlung basiert auf jahrlanger intensiver Recherche, insb. auf der Auswertung der dreizehn Tagbücher von Abt Rupert Ness. Für den heimischen Leser, dem die ganzen Ortsnamen und -begriffe geläufig sind, werden das Leben des Abtes und die geschichtlichen Ereignisse durch das eingestreute Lokalkolorit umso plastischer vor Augen geführt.
Über seine Beziehung zu Ottobeuren und über die Entstehung des Werkes schrieb der gebürtige Mindelheimer Miller selbst:

Schon als Bub bin ich mit meinen Eltern nach Ottobeuren gepilgert und habe die Herrlichkeiten der Basilika und des Klosters angestaunt. Und als ich fünfundzwanzig Jahre alt geworden war, glaubte ich die Größe der Kirche begriffen zu haben. Damals [1928] schrieb Josef Hofmiller seinen geistreichen Aufsatz über Ottobeuren, den ich begierig las.

Aber erst als ich Fünfzig geworden, fasste ich den Entschluss, ein Romanwerk über Ottobeuren zu schreiben. Im Konventgang hatte ich das Bildnis Abt Ruperts gesehen, des geistvollen und fürstlichen Mannes, und im Archiv wurden mir die zwölf hier vorhandenen Foliobände seiner Tagebücher gezeigt. Hier mussten die Aufschlüsse liegen.

Aber wer wird diese zwölf Bände, halb im Barocklatein, halb im Barockdeutsch geschrieben, durcharbeiten? Wer wird diese Schrift mit ihren rätselhaften Abkürzungen entziffern? Wer wird die Hauschroniken durchackern und die einschlägigen Urkunden aus dem Hauptstaatsarchiv und aus dem Neuburger Staatsarchiv herbeiholen? Wer wird das unerschöpfliche Bilderbuch des Klosters zu Ende lesen? Ein Jahrzehnt des kurzen Menschenalters würde das kosten!

Aber seit ich in der Bibliothek meine „Hymnen an Ottobeuren“ vorgelesen hatte, ließ es mich nicht mehr los. Denn diese Hymnen enthielten den Roman im Keim. Und so machte ich mich unter dem Beistand meiner Frau ans Werk. Wir fraßen uns durch die zwölf Bände der Tagebücher, wir ließen den dreizehnten aus dem Hauptstaatsarchiv kommen, wir fraßen uns durch die Chronikbände von Kretz und Schilz, wir holten die Urkunden heran, wir exzerpierten und exzerpierten.

Die Abtei erwies uns eine großartige Gastfreundschaft durch sieben Jahre hindurch, der Zugang zu allen Schätzen wurde uns geöffnet. Pater Ägidius Kolb, der Archivar der Abtei, ging uns in allem an die Hand. Trotzdem rückte das Werk langsam vor; denn ich hatte ja nur jeweils die großen Ferien zur Verfügung und musste dann ein volles Jahr warten, um fortfahren zu können.

Allmählich aber rundete sich das Bild und wuchs die Gestalt. Alles Aktenmäßige musste ja zum Leben umgewandelt werden. Immer mehr wuchs ich mit Ottobeuren zusammen und füllte mich mit der Atmosphäre des Hauses. Und schließlich, nach fünf Jahren Studiums, konnte die Niederschrift des Romanes begonnen werden.

Es war klar, es musste mehr werden als eine Darstellung der großen Bauperiode Ottobeurens und der Männer, die sie getragen haben. Das machtvolle Antlitz des Barockgenius musste hinter und über allem erscheinen, und noch ferner und höher im Lichte weißer, veratmender Wolken die lichte Taube des Hl. Geistes.
Im Herbst des vergangenen Jahres näherte sich die Niederschrift ihrem Ende. Das letzte Kapitel, das den Tod des großen Abtes schildert, habe ich in seinem Sterbezimmer, im jetzigen Archiv, an derselben Stelle geschrieben, wo das Sterbelager des Abtes gestanden. Dies war wohl die ergreifendste Stunde von allen den vielen einer siebenjährigen Arbeit.

Als das Werk dann beim Herder Verlag angenommen war, da haben der Memminger Landkreis und die Gemeinde Ottobeuren durch eine großzügige Spende noch die Bebilderung des Buches gesichert. Mit Dankbarkeit sehe ich auf dieses Jahrsiebent zurück, auf all die Teilnahme und Hilfe, die ich gefunden.

So trägt eine ganze Epoche meines Lebens den Namen Ottobeuren.
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Wie kam es zum vorliegenden Foto? Georg Besel, 1938 in der Erler Straße 10 (im „Grünen Winkel) geboren, war schon früh begeisterter Hobby-Fotograf. Seine Mutter warf im regelrecht vor, er trage sein ganzes Geld „zum Grossbach“. Seine erste Kamera – eine Voigtländer „Vito B“ – kaufte er bei Theodor Grossbach (damals noch in der Ludwigstraße neben Stock) für 128 Mark.
Der Klosterarchivar und spätere Kreisheimatpfleger, Pater Ägidius Kolb, betreute nicht nur Miller und seine Frau 1989 Magdalena (geb. Kleiner) bei ihren ausgedehnten Recherchbesuchen im Klosterarchiv, er war auch Präses der Kolpingsfamilie Ottobeuren. Und da schließt sich der Kreis: Georg Besel war – vor seinem Wegzug aus Ottobeuren 1961 – bei Kolping zwei Jahre lang „Senior“, Kolb fragte Besel, ob er nicht zur Buchübergabe kommen könne, um das Ereignis fotografisch festzuhalten – was ihm meisterhaft gelang. Für das Bild in der Abtei kaufte er bei Grossbach extra einen „Blitzwürfel“. (Weitere tolle Fotos von ihm – z.B. die Aufstellung des Gipfelkreuzes auf dem „Großen Krottenkopf“ oder Bilder der Faschingsumzüge – werden im Laufe der Zeit folgen!)
Das vorliegende Foto ist in seinem eigenen Buchexemplar eingeklebt und konnte am 11.08.2021 an Besels Wohnort (seit 1977 in Neubiberg) gescannt und nachbearbeitet werden. Für die Überlassung des Fotos sei ihm herzlich gedankt. Georg Besel hält nach wie vor den Kontakt mit seiner alten Heimat; zuletzt besuchte er das Basilikakonzert am 18.07.2021.

Zurück zum Buch:
Die erste Auflage erschien 1959 beim Herder-Verlag Freiburg i. Breisgau (507 Seiten, 8 Bildtafeln, Leinen DM 18,80) und war zum Zeitpunkt der Übergabe bereits in allen Buchhandlungen in Stadt und Land erhältlich. In der Zeitung wurde das Buch als „wichtiger Meilenstein im kulturellen Leben unserer Heimat“ bezeichnet. Auf dem ursprünglichen Cover waren die Wappen des Stiftes, des Konvents und von Ruper Ness abgebildet, das hier eingestellte Cover zeigt die 5. (1996) und 6. Auflage (2002) aus dem Verlag Bernd Brenner (Dillingen) mit einer Zeichnung der Basilika von Heinz Schubert (rückseitig das Wappen von Rupert Ness), die vierte – geänderte – Auflage (1977) war im Allgäuer Zeitungsverlag Kempten erschienen. Nachdem Miller seinen literarischen Nachlass dem Bezirk Schwaben vermachte, verfügt heute der Bezirk über die Rechte.
Ottobeuren blieb Miller in seinem letzten Lebensabschnitt treu: 1989 übersiedelte er zusammen mit seiner Frau, die er 1930 geheiratet hatte, nach Ottobeuren, er wurde aber nicht hier begraben; bei Wikipedia heißt es: „Miller fand seine letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof in Oberstdorf.“
Nach Arthur-Maximilian-Miller wurde im Ottobeurer Südosten eine Straße benannt, gleich angrenzend an die Gertrud-von-le-Fort Straße: Mit le Fort war Miller befreundet.
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Der Memminger Verleger Dr. Maximilian Dietrich bezeichnete den „Herren mit den drei Ringen“ als „großen Roman des deutschen Barock“. Im August 1959 schrieb er über Miller und sein Werk:

Unter den Stillen im Lande, übertönt von den hysterischen Schreien literarischer Hochstapelei, ist Arthur Maximilian Miller einer der stillsten, aber konsequentesten Sprachgestalter. Allmählich nur und sehr behutsam ist sein Lebenswerk herangereift. Sein Doppelberuf als Dichter und Lehrer hat ihm doppelte Last auferlegt, aber das Amt des Lehrers, vor kurzem erst abgelegt, wurde nie vernachlässigt. Darin bekundet sich sein Maß menschlicher Verantwortlichkeit, der gegenüber jeglichen Literatentum ausgeschaltet bleiben musste. In der geringen Muße eines erfüllten Daseins aber sind seine Bücher entstanden, die sein reiches inneres Leben widerspiegeln. Wichtige Stationen darin waren „Das Jahr der Reife“ und „Die Botin“. Mit der „Glückshaube“, dem Roman der Kindheit, des Memminger Patriziersohnes Burckhard Zink, stieg Miller erstmals in die historische Vergangenheit zurück, gestaltete aber gleichzeitig das zeitlos gültige Bild jeder Kindheit. Es war der Weg eines mit sensibler Empfänglichkeit ausgestatteten Dichters, der, was immer er schrieb, die Zeit und ihre Gestalten aus innerem Besitz formt und sie, als Bleibendes, recht eigentlich erst schafft.

Deshalb war Arthur Maximilian Miller wie kein anderer berufen, den längst fälligen Roman über Ottobeuren zu schreiben, dem er schon vor Jahren mit seinen „Hymnen an Ottobeuren“ seine dichterische Reverenz erwiesen hatte. Sieben Jahre lang opferte der Dichter seine Ferien, um in den Archiven der Benediktinerabtei das historische Rüstzeug für seinen Roman um den Erbauer des Klosters, Abt Rupert Ness, den „Herrn mit den drei Ringen“, in geduldiger Kärrnerarbeit zu schaffen. Und dieses sein neuestes erzählendes Werk nimmt nicht nur biographisch, sondern ebenso als dichterische Leistung eine Sonderstellung ein, denn mit diesem Roman hat Miller, um dies gleich vorwegzunehmen, eine Höhe der epischen Gestaltungskraft erreicht, die heute selten geworden ist.

Überragende und beherrschende Zentralgestalt des Werkes ist Abt Rupert Ness, der Schmiedesohn aus Wangen im Allgäu, der vom einfachen Novizen des Klosters zum Abt und fürstlichen Herrscher aufstieg. Aber es geht in dieser Dichtung weder um heldisches Pathos – wozu der barocke Geist des dargestellten Zeitalters viele andere verführt hätte – noch um Sentimentalitäten, die häufig gerade in der religiösen Sphäre so manchem Schriftsteller verhängnisvoll werden. Die lastende Wirklichkeit eines mit geistlicher und weltlicher Gewalt beladenen Kirchenfürsten wird in einer geradezu bedrängenden Diktion beschworen. Miller setzt Stein an Stein in seinem Gebäude, mitunter atemberaubend türmt sich die geistige und die sinnliche, die religiöse und die politische Welt dieses Klosterkosmos.

Gleichwohl lässt sich der Dichter nicht von einseitiger Tendenz treiben. Aus sittlicher und künstlerischer Verantwortung wird die Wahrheit eines weit über dem Mittelmaß stehenden Lebens aufgezeichnet. Weniger als sein schöpferisches Ingenium trägt den großen Abt die Gnade, gerade dann, wenn er vor den Abgründen der Gnade steht. Von ihr umfangen, wächst der Abt in seine zeitlose Größe hinein.

Miller spürt in der Gestalt des Abtes nicht nur das Beispielhafte eines einmaligen, von der Vorsehung gezeichneten Menschen, sondern die zeitlos gültige Perspektive des christlichen Barockmenschen überhaupt. Wie groß war die Versuchung, aus dieser säkularen Erscheinung eine Art christlichen Abenteurers zu machen? Miller erlag dieser Versuchung in keiner Zeile, er erzählt ohne Aufhebens und ohne großen Aufwand an Zeitkolorit, in einer ganz reinen, fast sparsamen Sprache. Er trägt keine falsche Psychologie hinein. Alles, was in seinem Helden vorgeht, ist im Roman, fußend auf echten Quellen, erfüllt von einem feinen Unterscheidungsvermögen und Taktgefühl, einer echten Demut, die im Gestalter wie im Gestalteten lebt. Die Disziplin der schlichten Erzählung wird nirgends durchbrochen, aber gerade deshalb kommen die natürlichen Gezeiten des Epischen von selbst zur Geltung. Hier ist kein Seitenblick nach dem Leser und kein mahnendes Fingerzeichen: aus der gestaltenden Kraft allein entsteht ein christliches Epos, dessen gleichnishafter Gewalt sich niemand, der zu lesen versteht, entziehen kann.

An einer reichen Fülle von Personen, an einer Handlung von bedrängender Konsequenz, wird hier sozusagen die Summe einer Epoche gezogen, die nicht die unsrige sein kann, die aber die gleichen menschlichen, religiösen und politischen Anliegen hat wie die unsrige. Miller bringt alle Voraussetzungen für dieses gewaltige Unternehmen mit; er kennt die Probleme, Zustände und Stimmungen des barocken Zeitalters, das er schildert, von Grund auf und er besitzt über die rein dichterischen Qualitäten hinaus jenen Überschuss an Kunstverstand, der allein ein solches Werk über alles bloß historisierende Handwerk, wie wir es heute bis zum Überdruss kennenlernen müssen, in den Bereich einer gültigen Darstellung hebt. Die illustren Namen aus Kunst, Politik und Wissenschaft wurden zur Kreierung des barocken Epochengedankens periodisch aufgerufen. Der Bauwille des großen Abtes steht stellvertretend für eine Zeit, die in Bayern und Österreich die letzte wahrhaft große und geschlossene Kunstepoche gewesen ist. Miller schildert nicht bloß, er transzendiert alle Positionen dieser Epoche, und so stürmt dem Leser des Buches ein glorreiches  Gefühl von geistiger Freiheit entgegen – Grundwirkung jedes echten, von keiner Ideologie gefesselten Kunstwerks.
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Zum 1200-jährigen Bestehen der Abtei Ottobeuren hat die Stadt Wangen im Allgäu als Geburtsort und zu Ehren von Rupert Neß (bzw. Ness) eine 17-seitige Schrift herausgegeben. Dr. Norbert Lieb schrieb darin einen Beitrag über das Leben des späteren Abtes, während Dr. Albert Scheurle eine Abhandlung über die Familiengeschichte ergänzte („Die Familie Neß in Wangen im Allgäu. Vorfahren und Geschwister des Abtes Rupert Neß von Ottobeuren“).

Literaturzitat:
Stadt Wangen (Hrsg.): Rupert Neß. Abt des Reichsstiftes Ottobeuren 1710 - 1740, Wangen, [1964], 17 S.

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Repros, Abschriften, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 08/2021