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08.06.1896 – Holzstich „Ein Versuch mit der Kneipp-Kur“


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Noch zu Lebzeiten Kneipps wurde in der reichsweiten, populären Familien-Wochenzeitung „Die Gartenlaubeein hübscher Holzstich abgedruckt, der zwei junge Frauen auf einer Wiese beim Barfußlaufen bzw. Tautreten zeigt. Die Originalzeichnung – sie stammt von Gottlob Fischer (1829 - 1905) – ist ganz unvermittelt eingestreut, ohne einen zugehörigen Artikel. Größere Erklärungen waren in der Zeit gar nicht nötig, denn jeder wusste, was mit der Kneippkur gemeint war. Zur Popularität Sebastian Kneipps und seiner Wasserkur trugen solche Abbildungen freilich bei. Laut Wikisource hatte die Gartenlaube 1876 eine Auflage von 382.000 Exemplaren, das dürfte vor der Jahrhundertwende nicht viel weniger gewesen sein. Die Gesamtleserschaft wird auf bis zu fünf Millionen Menschen geschätzt: „Da die Gartenlaube sowohl in der gemeinsamen Familienlektüre konsumiert wurde als auch in zahlreichen Leihbibliotheken und Cafés als Auslage zur Verfügung stand, beläuft sich die Schätzung der eigentlichen Leserschaft auf zwei bis fünf Millionen zu ihren Hochzeiten.“

In der Werbung heißt es heutzutage „Sex sells“. Für die Zeit der Veröffentlichung des Holzstichs hatte die Abbildung der beiden Frauen mit den hochgezogenen Kleidern und nackten Füßen durchaus etwas frivoles – zumindest unschickliches. Nicht ganz zu unrecht hatte Wörishofen den Ruf eines „sündigen Dorfes“. Für die meist allein kurenden Kranken ergaben sich vielfältige Möglichkeiten für ein Techtelmechtel; später sollte sich der Begriff des „Kurschattens“ etablieren. Das war auch in Ottobeuren nicht anders, wo die Kneippkur zwischen 1954 und 2000 zu einem wesentliches Standbein der wirtschaftlichen Aktivitäten darstellte.
Hätte Kneipp die Darstellung gesehen, dann wäre seine Reaktion auf das „Schnüren“ recht negativ ausgefallen, nach eigenem Bekunden las der Wasserdoktor aber weder Zeitungen noch Bücher.

An welchem Wochentag die – wöchentlich in Leipzig erschienene – Zeitschrift „Die Gartenlaube. Ein illustriertes Familienblatt“  jeweils veröffentlicht wurde, ist nicht klar, die Kalenderwoche 24 (= Heft 24) begann jedenfalls am Montag, den 8. Juni 1896.

Im Februar 1895 waren in der Gartenlaube mehrere schöne Zeichnungen zur Kneippkur abgedruckt, die bereits im virtuellen Museum abrufbar sind.

Format der Originalseite: ca. 32,5 x 23 cm, die Zeichnung hat 24,7 x 17,5 cm. Die Seite konnte Ende Januar 2022 im Allgäuer Online Antiquariat in Memmingen angekauf werden. Kurios: Das hier vorliegende Exemplar hat die Seitenzahl 413 (Rückseite 414), bei Wikisource
Auch dort ist ein schöner Scan abrufbar, allerdings nicht in Farbe.

1896 sind 52 Ausgaben erschienen; es scheint unterschiedliche Ausgaben mit unterschiedlichem Umfang gegeben zu haben, unser Exemplar ist zudem koloriert.

Der Stich wurde aufwändig nachbearbeitet und steht nun in voller Pracht in zwei Fassungen gemeinfrei zur Verfügung. Beim im Hintergrund erkennbaren Ort handelt es sich nicht um Wörishofen, sondern wohl um das Kloster Frauenwörth auf der Insel Frauenchiemsee!

Passend zum Thema „Schnüren“, hier außerdem eine Annonce in der wöchentlich erschienenen Zeitschrift „Über Land und Meer“ (Ausgabe 7, 1894, lf. Seite 153), die – mit Werbung für Prym's Patent-Reform-Hafteln“ – ein recht extremes Beispiel für diese Modeerscheinung zeigt.