1877 – R. S. Zimmermann malt die „Schusterwerkstatt im Kloster“
Titel
Beschreibung
Der bekannte Maler Reinhard Sebastian Zimmermann (*09.01.1815, Hagnau am Bodensee, †16.11.1893, München) hielt sich 1877 – zusammen mit dem Pfarrer Heinrich Hansjakob (*19. August 1837 in Haslach im Kinzigtal; † 23. Juni 1916 ebenda) – einige Zeit in Ottobeuren auf. In der Zeit muss das großformatige Ölgemälde „Schusterwerkstatt im Kloster“ (77 x 125 cm) entstanden sein.
Pfarrer Hansjakob ist bereits längere Zeit im virtuellen Museum „aktenkundig“, mit seinem Reisebericht „Ein Ausflug ins Kloster“, den er unter dem Pseudonym „Adolf Heiter“ verfasst hat. (Laut Wikipedia nannte er sich auch „Hans am See“). Seinen Malerfreund Zimmermann erwähnt er nicht, er thematisiert aber die Knaben der am 27.12.1855 eröffneten »Kreiserziehungs- und Beschäftigungsanstalt für arme Knaben in Ottobeuren«, indem er schreibt:
Heute sind nun die genannten Knaben da, welche aber nicht die „Humaniora“ studiren, sondern, so klein sie auch sind, schustern, schneidern, drehen und hobeln. Es ist hoch interessant, aber fast komisch, diesen jungen Schusterchen und Schneiderchen in ihren Werkstätten zuzusehen, wie sie unter Leitung eines als Meister fungierenden Laienbruders ihre Gewerbe lernen und ausüben. Noch mehr aber freute mich, den damaligen Vegetarianer, die Mittheilung des Pater Petrus, daß diese gesund und frisch aussehenden Knaben streng vegetarianisch ernährt würden.
Näheres zum Besuch und zur Datierung lässt sich wohl erst dann herausfinden, wenn die – bereits antiquarisch bestellten – Lebenserinnerungen Zimmermanns aus dem Jahr 1882 vorliegen. Sie wurden 1922 und 2003 nachgedruckt. Der „Spiegelschwab“ druckte den Reisebericht 1968 unter dem Titel „Ottobeuren und Memmingen im Jahre 1875“ in fünf Folgen (in den Ausgaben Februar - Juni 1968) in gekürzter Fassung ab. Warum Walter Braun den Reisebericht auf 1875 datierte, ist unklar. Im Katalog des Münchner Auktionshauses Neumeister (421. Auktion; das Gemälde mit der Katalognummer 1019 wird am Dienstag, den 23.06.2026, kurz nach 17 Uhr aufgerufen werden; Schätzpreis 6.000 - 8.000 Euro) findet sich auf S. 119 der Hinweis: „1877 ist er [Zimmermann] zusammen mit dem Pfarrer Dr. Hansjakob für einige Zeit im Kloster Ottobeuren.“
Entweder war Pfarrer Hansjakob später [1877] nochmals in Ottobeuren oder die Datierung des Artikels ist falsch. Klarheit dürfte ein Blick ins Archiv des Klosters bringen bzw. in die Lebenserinnerungen Zimmermanns.
Literaturzitat:
Zimmermann, Reinhard Sebastian: Erinnerungen eines alten Malers: seinen Söhnen Ernst und Alfred erzählt von Reinhard Sebastian Zimmermann, 1815 - 1893. Einzeldarstellungen zur süddeutschen Kunst ; 4., München, Verl. für prakt. Kunstwiss. Schmidt, 1922, 247 S.
Das Auktionshaus Neumeister stellt folgende Informationen zur Verfügung:
Rechts unten signiert. Öl auf Leinwand. 78 x 127 cm. Doubliert. Rest. Rahmen min. besch. (96,5 x 143,5 cm).
Provenienz: Rudolf Bangel, Frankfurt a. M., CCLXXXI. Kunstauction, „Catalog der ausgewählten Sammlung von Ölgemälden moderner Meister ersten Ranges: welche im Auftrag des Herrn Heaton Manice in Bad Nauheim Montag den 14. September [...] zur öffentlichen Versteigerung gelangen“, Frankfurt a. M. 1891, S. 31 Kat.-Nr. 68. Mit exakter Bildbeschreibung des vorliegenden Gemäldes. Das bei Boetticher (s. u., Nr. 66) als Gegenstück aufgeführte Gemälde „Die Musikprobe. Dilettanten-Orchester in einer Bauernstube“ wurde bei Bangel mit Kat.-Nr. 67 angeboten.
Literatur: Boetticher, Friedrich von, Malerwerke des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. Leipzig 1941 (Reprint), S. 1061, Nr. 67. - Tann, Siegfried / Wiedmann, Bernd (Hgg.), Der Genremaler Reinhard Sebastian Zimmermann 1815 - 1893. Friedrichshafen 1986, S. 190 (Farbabb.): vorliegendes Gemälde.
Provenienz: Familiensammlung Sedlmayr und Direktionssammlung Spatenbräu.
Das Ölgemeälde war schon zweimal auf Auktionen. 1891 in Frankfurt:
Rudolf Bangel [Hrsg.]: Katalog. Versteigerung in Frankfurt a. M. (Nr. 281): Catalog der ausgewählten Sammlung von Ölgemälden moderner Meister ersten Ranges, welche im Auftrag des Herrn Heaton Manice in Bad Nauheim Montag, den 14. September [1891] ... zur öffentlichen Versteigerung gelangen (Katalog Nr. 281), Frankfurt am Main, 1891
Im Katalog hieß es:
Zimmermann (Hofmaler REINHARD SEBASTIAN) München.
68. Schusterwerkstatt im Kloster.
Acht Knaben, zum Teil emsig an der Arbeit, der neunte spricht, ein Paar hohe Stiefel tragend, mit dem Klosterbruder, welcher die Aufsicht führt.
Gegenstück zu No. 67 in gleicher Ausführung.
Bez.: R. S. Zimmermann.
Leinwand-Höhe 77, Breite 126 cm. (Siehe Abbildung.)
Außerdem 1913, wobei es da nicht zum Verkauf / Zuschlag kam.
Im Auktionskatalog bei Helbing 1913 steht:
REINHARD SEBASTIAN ZIMMERMANN
geb. 1815 in Hagenau am Bodensee, gest. 1893 in München.
279a „Klosterschule in Ottobeuren“. Knaben werden von Klosterbrüdern im Schneiderhandwerk unterwiesen.
Rechts unten bezeichnet: R.S. Zimmermann. Öl auf Leinwand. 77 x 125 cm. Goldrahmen
Die Knaben betätigen sich allerdings eindeutig als Schuster, nicht als Schneider.
Herrn Ludwig Sedlmaier vom Auktionshaus Neumeister danken wir für die Genehmigung zum Abdruck des Gemäldes (vom 17.06.2026). Bei einer Nachnutzung ist der Urheber wie folgt anzugeben: NEUMEISTER München/Walter Bayer
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