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01.10.1924  Restauration von Karl Held (Gasthaus zum goldenen Stern)


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Um das „Gasthaus zum goldenen Stern“ in der Bahnhofstraße 35 ranken sich viele Geschichten. Vermutlich hat auch diese außergewöhnliche Aufnahme ihre Geschichte, die wir heute aber nicht mehr nacherzählen können.

Die Rückseite der Foto-Ak ist leider leer, aber immerhin geht aus der Beschriftung eine genaue Datierung hervor. Mindestens zwei der Männer haben ein Bier vor sich, einmal im Humpen, einmal im Glas. Insgesamt 20 Personen sind zu sehen, eine davon schemenhaft hinterm Fenster im 1. Stock.

Im Ottobeurer Wochenblatt, Ausgabe 48 vom 28.11.1878, erklärt Karl Held in einer Ankündigung auf Seite 3, dass er am 1. Dezember 1878 die Wirtschaft „Zum goldenen Stern“ eröffnet:

Wirthschafts-Eröffnung u. Empfehlung.
Hiemit zeige ich einem geehrten hiesigen und auswärtigen Publikum ergebenst an, daß ich meine Wirthschaft „Zum goldenen Stern“ kommenden Sonntag den 1. Dezember eröffne. Für guten Stoff und solide Bedienung ist bestens Sorge getragen und sehe ich geneigtem Zuspruche entgegen. Achtungsvollst! Ottobeuren, den 28. Dezb. 1878. Karl Held, Gastgeber.
[Es müsste eigentlich heißen: 28. Novbr. 1878]

Ob mit dieser Ankündigung eine Neueröffnung verbunden war oder ob die Wirtschaft unter anderer Leitung schon früher bestand, geht aus dem Text nicht hervor.
Im Ottobeurer Wochenblatt Nr. 23 vom 09.06.1892 annoncierte Held auf Seite 1, er „empfiehlt auf das Fronleichnamsfest noch eine Auswahl in Damen-Confektion als Manteletts, Trikot- Kammgarn-Jackets, sowie Herren- und Kinder-Anzüge zum Selbstkostenpreis“. Karl Held unterzeichnet mit der Berufsbezeichnung „Kleidermacher, Restauration zum Stern“.

Das alphabetische Straßenverzeichnis von 1950 weist für den Stern - das Zunftzeichen ist gut erkennbar - Walli Held (vermutlich die verwitwete Ehefrau von Karl Held) als Eigentümerin aus. Der „Allgäuer Beobachter“ veröffentlichte am 30.01.1933 einen Nachruf für den am 29. Januar 1933 verstorbenen Held. Reden wurden gehalten vom zweiten Vorstand des Veteranenvereins Georg Höbel und von der „Gastwirtevereinigung Memmingen und Umgebung“, die von Xaver Wegmann vertreten wurde. Pater Chrysostomus nahm die kirchliche Bestattung vor.
Der Nachfolger Helds war vermutlich Franz Brosig (Vater des Landmaschinenmechanikers Erich Brosig), Walli Held trat ab Mitte bis Ende der 1930er Jahre vermutlich nicht mehr als Betreiberin, sondern als Besitzerin bzw. Verpächterin auf. Franz Brosig fiel 1944, seine Witwe Maria betrieb die Wirtschaft bis ca. 1950. Dann muss ein Vertriebener den Stern übernommen haben; nebenbei wurde mit Pferden gehandelt.

Im Ottobeurer Tagblatt vom 25.09.1914 stand mit Datum 24.09.1914 die Todesanzeige in der Zeitung, dass „die liebe Gattin und treubesorgte Mutter, Großmutter, Schwiegermutter, Schwester, Schwägerin, Tante und Base Frau Kreszentia Held, geborene Beer, ehem. Gastwirtsgattin zum goldenen Stern, zuletzt Privatiere in Ottobeuren, nach langem, schweren Leiden und öfteren Empfang der hl. Sterbesakramente im 65. Lebensjahr in die ewige Heimat abberufen wurde“. (pdf Memminger Volksblatt, 362)

Das Bier für den Stern dürfte die Benediktinerbrauerei geliefert haben bzw. deren Nachfolger, die Bürger- & Engelbräu Memmingen.

Georg Mathies - dessen Vater im Bräustüble Bierfahrer war, konnte sich (im Interview vom 21.05.2013) an folgende Anekdote zum Thema „Schankbier“ erinnern:

Es gab doch auch die Biermarken, die man fürs Schankbier einlösen konnte?

Die hat der Vater alle Woche bekommen. Da musste ich immer ins Bräustübl, zum Wiesheu in die Schenke, auch abends um 9 Uhr. Wenn er im Stall fertig war und die Pferde versorgt waren, kam er heim. Dann habe ich seinen Maßkrug geholt und ein Bierzeichen, ein Messingzeichen, mitgenommen und bin an die Schenke und hab das Bier einschenken lassen. Einmal war es der Wiesheu, der Chef selbst. Er hat das Glas gerade hingestellt und hat das Bier von oben runter laufen lassen, da war es bloß noch Schaum. Der hat so viel wie möglich aus seinem Fass herausgeholt, das hat sich rentieren müssen. Die Tochter, die Olga, hat das Glas ein wenig schräger gehalten, da ging mehr Bier rein. Und der Schwiegersohn, der Herr Hafold (?), der war von Mindelheim, vom Vermessungsamt, der hat schön elegant eingeschenkt, da war bis oben Bier drin. Und wenn ich dann gegangen bin, auf dem Heimweg, musste ich vom Bräustüble zur Wohnung immer ums Eck. Da habe ich getrunken und getrunken, das war himmlisch, das Bier! Und als ich schließlich zuhause war, war soviel Bier weniger drin. Da hat mein Vater dann gefragt: „Ja, wer hat denn da wieder eingeschenkt?“ Hab ich doch nichts (davon) gesagt, dass ich es getrunken habe, sondern „der Wirt selber“. „Aha, habe ich mir gedacht.“

So sah der Stern um 1960 aus.

2014 schloss der Pizzadienst Venezia, seit 25.07.2014 befindet sich dort der Heimservice Haweli mit indischer und italienischer Küche.