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24.06.1897 – Die „Illustrirte Zeitung” veröffentlicht einen Nachruf auf Sebastian Kneipp


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Kaum eine Zeitschrift oder Zeitung dürfte nicht auf den Tod Sebastian Kneipps reagiert haben – so auch die „Illustrirte Zeitung”. Die entscheidendere Frage war, ob der Nachruf positiv oder kritisch ausfiel. In Ausgabe Nr. 2817 vom 24. Juni 1897 erschien auf den Seiten 819 und 821 ein ausführlicher Nachruf, auf letzterer Seite fand sich außerdem der Holzstich mit einem Portrait Kneipps samt Signatur. 
Bildunterschrift:
Pfarrer Kneipp, † am 17. Juni.
Nach einer Photographie von J. Höflinger u. Sohn in Basel.

Die Zeitschrift hatte anscheinend keine eigene Abbildung im Bestand, sondern ließ anhand einer fotografischen Vorlage einen Holzstich anfertigen. Das Vorlagenfoto ist bereits im virtuellen Museum abrufbar, es entstand anlässlich einer Vortragsreise, die ihn vom 24. - 29.11.1895 u.a. nach Villingen, Karlsruhe, Straßburg, Basel und Luzern führte. Am Tag nach seinem Vortrag in Basel, also am 28.11.1895, vermutlich kurz vor seiner Abreise nach Luzern, hat sich Sebastian Kneipp vom Fotografen August Höflinger ablichten lassen. Das Foto wurde von Kneipp eigenhändig unterschrieben.

Die Zeitschrift wurde von einer amerikanischen Stiftung digitalisiert, die beiden Seiten zum Thema Kneipp sind hier abrufbar:
S. 819
S. 821

Hier nun die Abschrift des Gesamtartikels:

S.819
Sebastian Kneipp.

Im Dorfe Wörishofen des bairischen Regierungsbezirks Schwaben verschied am 17. Juni im Alter von 76 Jahren der vielgenannte Wunderarzt Pfarrer Sebastian Kneipp. Von felsenfestem Vertrauen in seine Wasserheilmethode erfüllt, an die er glaubte wie an sich selbst, gewann er durch sein unterschütterliches Selbstbewusstsein, durch die Energie seines Willens, durch die merkwürdige Macht, die er im persönlichen Verkehr auf die Gemüther ausübte, seiner Hydrotherapie und Diaterik mehr begeisterte Jünger und Anhänger als durch die Zahl seiner gelungenen Curen. Seine Methode hatte vielfach da glänzende Erfolge, wo die Wasserheilmethode überhaupt angebracht war, sie versagte aber auch ebenso häufig, wie z.B. bei dem feinen Organismus Leo’s XIII.

Obgleich im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn und der Schweiz über 150 Wasserheilanstalten nach Kneipp’s System entstanden sind, und zwar zum Theil unter Leitung von Ärzten, die sich in Wörishofen mit der Methode des geistlichen Hyropathen bekannt gemacht haben, sind die abfälligen Kritiken über die urwüchsige Methode des Pfarrers von Wörishofen nicht verstummt.

So verdienstlich des Wasserapostels Eintreten für eine naturgemäße Lebensweise in Kleidung, Speise und Trank auch war, so darf doch nicht befremden, daß die Ärzte dem geistlichen Wasserdoctor meist ablehnend gegenüberstanden, auch noch dann, als schon Tausende und Abertausende von Angehörigen aller Stände und Völker nach Wörishofen wallfahrteten; denn es steht fest, das selbst bei chronischen, auf allgemeinen Ernährungsstörungen beruhenden Krankheiten, wo die Wassercur in der That mit Vortheil Anwendung finden kann, die fachkundige Überwachung durch den Arzt von nöthen ist, die allein der Individualität des Patienten gerecht zu werden vermag.

Immerhin sind die gesunden Grundsätze, von denen Kneipp ausging, nicht zu verwerfen, Grundsätze, deren Entdeckung er sich selbst nicht zugeschrieben hat, für deren Anwendung durch verschiedentliche „Güsse” er indeß die Urheberschaft mit Recht in Anspruch nehmen durfte. Bekanntlich ist die Wasserheilkunde lange vor Kneipp nicht nur von Laien geübt worden, sondern hat auch beredte Verfechter unter den Medicinern gefunden. Auch das Barfußgehen, das Kneipp energisch verfocht, war hier und da schon als Abhärtungsmittel angewendet worden.

Sebastian Kneipp wurde als Sohn eines Leinwebers am 17. Mai 1821 in dem zur Benedictinerpfarrei Ottobeuren gehörenden Orte Stephansried geboren. Einundzwanzig Jahre alt, verließ er als Webergeselle die Heimat; Kaplan Matthias Merkle in Grönenbach bereitete den ungelehrten Handwerker, dessen größte Sehnsucht der geistliche Beruf war, in zwei Jahren auf den Besuch des Gymnasiums zu Dillingen vor; 1848 kam Kneipp nach München, wo er im Georgianum katholische Theologie studirte. Auf der dortigen Hofbibliothek gerieth ihm zufällig die „Anleitung zur Wassercur” von Dr. Sigmund Hahn in die Hände, ein Buch, das ihm selbst zum Lebensretter und zum Wegweiser für die Zukunft werden sollte. Am 6. August 1852 empfing er die Priesterweihe, wirkte als Vicar zu Bieberbach [Biberbach], Boos und Augsburg und kam 1855 als Beichtvater der Dominicanerinnen und Kaplan nach Wörishofen, dessen Pfarrer er 1881 wurde. Schon hatte Kneipp Schriften für den Landmann über den Futterbau, Bienenzucht u.s.w. veröffentlicht, als Ende 1886 sein Buch „Meine Wassercur” erschien, das den Namen des Dorfpfarrers in alle Welt trug und bereits im folgenden Jahr eine Anzahl Heilsbedürftiger Wörishofen aufsuchen ließ; 1888 erstand ein hölzernes Badehaus; 1889 fanden sich schon über 1000 Curgäste ein. In demselben Jahr erschien Kneipp’s Buch „So sollt ihr leben”, das wie die „Wassercur” seitdem unzählige Auflagen erlebte und in die meisten Cultursprachen übertragen wurde. Im Jahre 1890 war ein steinernes Badehaus mit heizbaren Cabinen entstanden, ebesno zwei Privatbadeanstalten. Anfang 1891 erschien die erste Nummer der „Kneipp-Blätter, Zeitschrift für arzneilose Heilmethode und naturgemäße Lebensweise”, das officielle Organ des im December 1890 gegründeten Kneipp-Vereins. Auch an zahlreichen andern Orten bildeten sich derartige Vereinigungen. Im Juli dieses Jahres öffnete das Priestercurhaus, im November 1892 das Kinderasyl Sebastianeum seine Pforten [*]. Der „Kneipp-Kalender” war 1891 zum ersten mal zur Versendung gelangt. Im Jahre 1892 konnten schon 12108 „Ordinationsbüchlein an Curgäste verabfolgt werden.

Der im Grunde seines Wesens selbstlose Mann, der täglich drei bis vier Stunden des Vormittags und drei Stunden des Nachmittags unverdrossen ordinirte und daheim wie wiederholt draußen in München, Trier, Innsbruck, Graz, Wien, Augsburg

S. 821
und anderwärts durch schlichte, allgemeinverständliche und humordurchtränkte Vorträge seiner Anschauung und Heilmethode Jünger und Anhänger warb, hat nun auch der Natur den schuldigen Tribut entrichten müssen; was aber von seinen Grundsätzen stichhaltig ist, wird die objective Heilwissenschaft nicht verwerfen, die, unbeirrt durch wunderliche Äußerlichkeiten und einseitige Überschätzung, jedem durch Erfahrung erprobten und bewährt gesunden Heilverfahren den ihm gebührenden Platz in der Medicin anzuweisen versteht.
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[* Das Priesterkurhaus war das Sebastianeum, nicht das Kinderasyl!]
Sammlung und Abschrift: Helmut Scharpf, 03/2022